Remarketing-Mails an Warenkorb-Abbrecher –alles, was Sie zur Umsetzung wissen müssen

Heiß diskutiertes Thema in der E-Mail-Marketing-Welt: Erinnerungsmails an Personen, die Einkaufsvorgänge auf der Webseite abgebrochen haben. Solche Retargeting-Maßnahmen versprechen auf der einen Seite hohe Umsatzpotenziale. Schließlich sind Wiederaufnahme und Abschluss des gerade unvollendeten Kaufprozesses nur ein bzw. zwei Klicks von der Nachfass-E-Mail entfernt. Und der Adressat hat explizit sein Interesse ausgedrückt.

 

Entsprechend hoch sind die zu erwartenden Click- und Conversion-Rates und damit die Umsätze – bei gleichzeitig niedrigem Versandvolumen. Auf der anderen Seite bestehen Bedenken: Fühlen sich meine Interessenten durch solche E-Mails nicht auf Klick-und-Tritt verfolgt? Und wie kann ich überhaupt den restriktiven rechtlichen Anforderungen genügen? Anbei ein umfassender Blick durch die Technik, Recht- und Marketing-Brille.

 

Inspiration: Warenkorbabbrecher-Mails aus dem Posteingang

Um solche E-Mails geht es:

           
Wer sich zur Inspiration in Deutschland selbst auf die Suche nach Abbrecher-Mails begibt, wird schnell merken, dass das Thema sehr vorsichtig angegangen wird. Nur die wenigsten Onlinehändler nutzen derartige Maßnahmen, um die Wandlung verwaister Warenkörbe nachträglich noch einmal werblich zu fördern. Andere Länder, andere Sitten, Gebräuche und Datenschutzrichtlinien - in den USA bspw. sind Abandonment-Mails sehr viel weiter gediehen. Elf Englisch-sprachige E-Mail-Beispiele finden sich im GetElastic-Blog.

 

Warum und wie oft werden Transaktionen mittendrin abgebrochen?

Es existieren unzählige Studien; die Optimierung birgt viel Geld. In Deutschland brachte jüngst der ECC-Shopmonitor Spezial zum Vorschein, wo in den Konversionstrichtern der 20 umsatzstärksten Onlineshops der Hase im Pfeffer liegt. Demnach konnten die Abbruchraten auf den Ebenen (1) Landing Page, (2) Produktangebot, (3) Registrierung, (4) Bezahlweise, (5) Zahlungsdaten und (6) Abschluss seit April 2010 fast durchweg gesenkt werden. Unterm Strich konvertieren 58,38 % der Besucher „mit Kaufabsicht“ . Und international? Eine Auflistung von Benchmarking-Abbruchraten aus diversen Studien findet sich auf baymard.com. Klar: Durch Warenkorb-Abbrecher-E-Mails kann die Quote noch deutlich verbessert werden ...

Die E-Mails hebeln idealerweise dort, wo sich der Knackpunkt im Bestellprozess befand, also der Grund für den Abbruch. Die Ursachen können je nach Shopping-Umfeld und Personengruppe differieren. Häufige Gründe für den Abprung in letzter Minute: weil …

  • die Versandkosten zu hoch sind – denken Sie an die gedankliche Hemmschwelle beim Onlineshopping, die sich auf einem Aufpreis ohne direkten Mehrwert gründet  (im Vergleich zum versandkostenfreien Offline-Kauf). Verstärkt evtl. durch eine zu späte Kommunikation der Kosten.
  • sie doch noch nicht bereit zum Abschluss sind – evtl. ergibt sich im Kaufprozess doch noch weiterer Informationsbedarf. Sei es in Bezug auf einen letzten Preisvergleich oder weil vielleicht ein Formularfeld „Coupon-Code“ suggeriert, das eine Suche im Netz noch Einsparmöglichkeiten zutage fördert.
  • der Warenkorb als Merkliste Zweck-entfremdet wurde – vielleicht werden im Zeitverlauf solange Artikel hinzugefügt, bis der Mindestbestellwert für eine versandkostenfreie Lieferung erreicht wurde?
  • die gewünschten Zahlungsoptionen nicht angeboten werden
  • nicht genug Vertrauen aufgebaut wurde bzw. Sicherheitsbedenken vorherrschen
  • Rückfragen an den Kundensupport bestehen (Kontaktmöglichkeit?)

Ein Verständnis der Abbruch-Gründe im eigenen Shop ist für Versender von elementarer Bedeutung. Ohne dem bleibt unter anderem das Retargeting (weit) hinter seinen Möglichkeiten zurück. Natürlich kann man es nicht allen Besuchern nachträglich noch recht machen. Aber manchen (gar nicht wenige!) eben schon, wenn man weiß, wie

 

Technische Voraussetzungen für Warenkorbabbrecher-Mails

Notwendige Bedingungen, um Shopping-Abbrecher anschreiben zu können, sind zunächst

  • die Identifikation des Besuchers im Onlineshop,
  • die Verfügbarkeit seiner E-Mail-Adresse und
  • die Integration des Webshops mit der E-Mail-Versandlösung.

Ersteres kann über ein individuelles Benutzerkonto in Verbindung mit der Speicherung eines Cookies auf dem Anwender-PC erfolgen. D.h., der User legt initial einen Account mit eindeutiger Benutzer-ID und Passwort im Shop an, hinterlegt dabei u.a. seine E-Mail-Adresse und erteilt auch sein Werbeeinverständnis. Ist er angemeldet, kann ihm der per Webanalyse-Software aufgezeichnete Klickpfad zugeordnet werden. Vom Stöbern in den Produktkategorien bis zum finalen Kauf – oder eben bis zum prall gefüllten, aber nicht umgesetzten Warenkorb. Erfolgt der Website-Besuch aus dem Newsletter heraus, kann die Identifikation auch allein durch präparierte E-Mail-Trackinglinks erfolgen. Die Verweise enthalten dann durch die Versandlösung angehängte verschlüsselte Zusatzparameter, die dem Onlineshop beim Klick den anonymen, aber später trotzdem (nach-)fassbaren Besucher melden. Selbst wenn dieser nicht eingeloggt ist. 

Der Mehrwert des Aktionsprotokolls erstreckt sich nicht nur auf statistische Zwecke. Sondern die Daten können z. B. auch Grundlage für Nachfassmaßnahmen sein. Etwa per E-Mail. Hierzu sollte ein möglichst vollständig automatisierter und regelmäßiger Informationsfluss vom Webshop zur E-Mail-Versandlösung hergestellt werden. Das E-Mail-System kann dann verhaltensbasierte Trigger-Mailings zu definierten Zeitpunkten anstoßen. Unter anderem, um an Produkte in verwaisten Shopping Carts zu erinnern und zur Wiederaufnahme des Bestellvorgangs zu animieren. 

Zu Verknüpfung von E-Mail mit Webshop bietet sich zum einen die einfache Variante eines Post-Click-Trackings an. Dahinter verbirgt sich technisch ein HTML- oder JavaScript-Codeschnipsel aus der E-Mail-Versandlösung, der, sobald er auf den zu protokollierenden Webseiten eingefügt wurde, in Echtzeit Webanalyse-Daten aufzeichnet und überträgt. Die Aufzeichnung steht dann unmittelbar für weitere Selektionen bereit. Über den Code lassen sich Produktbezeichnungen, User-IDs, Mengen, Preise und/oder Warenkorbwerte übermitteln. Wer also im Konversionstrichter die finalen Seiten bis zur Bestellbestätigung „verpixelt“, kann Rückschlüsse auf abgebrochene Transaktionen schließen, indem er bspw. die Differenz zwischen den Aufrufen der letzten und vorletzten Seite betrachtet. 

Die Post-Click-Variante ist gangbar. Verbreitet ist aber der Rückgriff auf die speziell hierfür bereitgestellten Interfaces professioneller E-Mail- und Webanalyse-Lösungen, wie Coremetrics oder Omniture SiteCatalyst. Die Schnittstellenspezifikationen ermöglichen den reibungslosen Datenimport und –export (bei bidirektionaler Anbindung). Exemplarisch weiß die Versandlösung z. B. durch eine solche Absprache, zu welchen Zeitpunkten sie welche Webanalyse-Dateien (Typ, Name) auf welchem FTP-Server herunterladen kann. Oder wie sie den manuell imitierten Upload der Zielgruppenselektion aus der Webanalyse-Software interpretiert. Also wie die enthaltenen Datenfelder in die eigene Datenstruktur gemappt werden können. Hierzu zählen etwa Artikel-IDs und die zugehörigen Mengen der abgebrochenen Bestellung sowie ein Link zur Session-Wiederaufnahme.

Wurde die Versandlösung mit einer Artikelliste gespeist, die Produkt-IDs, Grafik-URLs, Landing Pages und Beschreibungstexte enthält, oder existiert sogar eine Live-Schnittstelle zum Warenwirtschaftssystem, können nun sehr einfach Mailings mit dynamischen Inhalten bestückt werden. Voll- oder halb-automatisch. Der Versender muss sich theoretisch nur anfänglich einmalig um das Aufsetzen der Remarketing-Trigger-Mail kümmern. Also das Template mit der Copy, den iterierten Platzhaltern für die vergessenen Produkte und dem Link erstellen und die Versandzeitpunkte unter Ausschlusskriterien bestimmen. Und schon läuft die Maschine, die nachträgliche Conversions erzeugt.

 

Marketing-Überlegungen zur E-Mail-Ausgestaltung

Apropos Template: Welche Aspekte gilt es bei der praktischen Umsetzung der Abbrecher-E-Mails selbst zu berücksichtigen? Anbei einige Tipps und gedankliche Impulse:

  • Abbruchgründe: Vorweg: Bitte nicht bloß per kostengünstiger E-Mail an den Symptomen herumdoktern, weil dies der Weg des geringsten Widerstandes ist. Sondern parallel auch die zugrunde liegende Krankheit im Shop behandeln. Besucher, denen eine Kreditkartenzahlung unmöglich ist und die aber nicht wissen, ob oder wie sie ein anderes Zahlverfahren auswählen können, werden sich kaum durch eine drängende Erinnerung an den Warenkorb angesprochen fühlen. Ganz im Gegenteil. Wem allerdings bei der Eingabe der Zahlungs- und Lieferdaten mal wieder der Firefox-Browser abgestützt ist und anschließend ein Anruf der redseligen Schwiegermutter den Gedanken an den Einkauf komplett verdrängt hat ;-), dagegen schon eher. (Siehe auch „Segmentierung“ unten.) Will heißen:  Abbrecher-E-Mails sind kein Allheilmittel. Sondern eine Ergänzung, die behutsam eingesetzt werden sollte. Und zwar nicht bloß zum Verkauf – bitten Sie die Abonnenten doch prominent auch um Auskunft, warum die Bestellung abgebrochen wurde. So erhalten Sie per E-Mail zudem wertvolle Hinweise auf Verbesserungsmöglichkeiten des Conversion-Funnels im Shop.
  • Identifizierbarkeit: Ohne E-Mail-Adresse keine Warenkorbabbrecher-Mails. Was banal klingt, verdeutlicht aber unmittelbar den Stellenwert einer optimalen Adressgewinnungs-Strategie. Wer also heute mit dem Gedanken spielt, morgen Remarketing-Mails einzusetzen, sollte gleichzeitig die aktuellen Maßnahmen zur Adressgenerierung reflektieren. Ist die bspw. Newsletter-Anmeldung auf der Homepage ausreichend gut sichtbar? Sollte die E-Mail-Adresse im Konversionstrichter nicht besser viel früher erfasst werden - etwa durch einen vorgelagerten Schritt im Bestellprozess, der initial allein die E-Mail-Adresse erhebt (vgl. Tipp von wie Linda Bustos)? Solche Überlegungen setzen direkt an der möglichen Reichweite der Retargeting-Bemühungen an. Beziehen Sie bei der Überarbeitung gleich auch die rechtlichen Anforderungen ein (siehe unten).
  • Nachfassgelegenheiten: Beim „Warenkorbabbrecher-E-Mails“ denken die meisten unmittelbar an dezidierte Nachfass-Aktionen, die allein den vergessenen Warenkorb in den Posteingang transferieren. Dabei bestehen doch prinzipiell zwei Möglichkeiten, diesen noch nachträglich via Electronic Mail zu reaktivieren: Per Follow Up-E-Mail und/oder im regulären Newsletter. Ein zusätzlicher Inhalts-Block der Form „In Ihrem Warenkorb: (…) – Jetzt mitnehmen“ in der Newsletter-Variante, die Warenkorb-Abbrecher erreicht, ist defensiver und weniger aufdringlich als ein Standalone. Er muss dem Ziel, die Konversionsrate nachträglich zu erhöhen, aber in nichts nachstehen. Testen Sie beide Varianten allein oder in Kombination.
  • Nachfasszeitpunkt: Solange der Interessent uns seine Tür offen lässt, sind wir nicht weg vom Fenster. Das spricht für eine zeitnahe Reaktivierung. Als Daumenregel gilt einerseits: innerhalb der nächsten 2 bis 24 Stunden anschreiben. Andererseits erscheinen Generalisierungen auf einen bestimmten Zeitpunkt wenig praktikabel. Das Optimum kann je nach Produkt- oder Kundensegment stark variieren. Denken Sie an niedrig- vs. hochpreisige Artikel. Bei Letzteren kann es Tage oder Wochen dauern, bis – vielleicht mehrpersonell im Familienkreis– eine Entscheidung getroffen wurde. Einen groben Anhaltspunkt für das Timing gibt möglicherweise die Verteilung der zeitlichen Verzögerung zwischen erstem Seitenbesuch und Kauf. McAffee ermittelte dies in der Studie „Digital Window Shopping“. Ebenso kann die Kenntnis der individuellen Abbruch-Uhrzeit eine interessante Planungsgrundlage sein. Mutmaßlich befindet sich der Nutzer genau 24 Stunden später wieder am PC, sodass ihn eine E-Mail eher zur richtigen Zeit erreicht.
  • E-Mail-Inhalte: Der Inhalt bestimmt maßgeblich, ob die Erinnerungsmail positiv oder negativ aufgenommen wird. Ein Stalking-Eindruck à la „Big Brother“ ist unbedingt zu vermeiden; niemand fühlt sich beim Shoppen gern beobachtet. Widmen Sie dem Inhalt also besondere Aufmerksamkeit und Sorgfalt. Zurückhaltung ist Trumpf - gestalten Sie die Mail nicht zu pushy. Vielleicht sogar etwas neckisch (siehe Screenshots oben). Beweisen Sie dabei vor allem Kundenorientierung („Können wir Ihnen helfen?“ ,“Fragen zum Datenschutz?“ etc.). Optisch stechen nach der E-Mail-Öffnung idealerweise die Abbildungen der in den Warenkorb gelegten Produkte ins Auge. Die Grafiken versprechen sofort Wiedererkennung und Relevanz und werden gemäß der Wahrnehmungshierarchie deutlich schneller wahrgenommen als Text. Alternativ erfüllt auch eine Aufzählung der Artikel inklusive Menge und Preis ihren Zweck. Als Angebotsverstärker können Rabatte und passende Rezensionen oder Bewertungen fungieren, sofern vorhanden. Oder auch der Aufbau zusätzlichen Handlungsdrucks per Verfallsdatum: „Wir halten den Warenkorb noch x Tage für Sie vor“. Professionelle Shop- und Webanalyse-Systeme bieten oftmals auch Recommendation Engines. Im Zuge der Integration mit dem E-Mail-Versandsystem können damit in den Retargeting-E-Mails direkt die passende Cross- oder Up-Selling-Angebote eingebunden werden, um den Warenkorbwert noch zu steigern. Wichtig: Denken Sie zu guter Letzt auch an eine klar herausgestellte Handlungsaufforderung. Ideal wäre ein Direktlink zum Warenkorb, der beim Klick im Browser die ursprüngliche Shop-Session des Interessenten wiederaufnimmt bzw. rekonstruiert. Etwa anhand der bei ihm gespeicherter Cookie-Informationen. Oder per Parameter-Übergabe der Bestell-Items und –Mengen als HTTP-Request.
  • Mehrstufige Remarketing-Kampagne: Der E-Mail-Posteingang ist eine flüchtige Umgebung. Evtl. verfehlt daher eine Retargeting-E-Mail ihr primäres Ziel, in den Wahrnehmungsbereich des Adressaten zu gelangen. Oder vermochte das darin enthaltene Angebot den Abbrecher einfach noch nicht, nachträglich doch zu konvertieren? Vielleicht weil die Kaufentscheidung noch nicht gefallen ist bzw. der Kontaktzeitpunkt zu früh gewählt wurde? Zweite E-Mail, zweite Chance! Mit der passenden Ansprache und Zielgruppe in petto können Sie theoretisch gleich eine mehrstufige Abbrecher-Kampagne aufsetzen. Um den Werbedruck damit aber nicht über das erträgliche Maß zu strapazieren, empfiehlt sich ein maximal 2-stufiger Ansatz: Erfolgt auf das erste Nachfassen keinerlei oder nicht die gewünschte Reaktion (Kauf, Öffnung, Klick, Antwort-E-Mail, Austragung, …), wird einige Tage oder Wochen später ein letzter zweiter Follow-up-Versuch ausgelöst. Die E-Mail-Versandlösung sollte hierzu vom Shopsystem aber über zwischenzeitliche Käufe informiert werden, damit Besteller von möglicherweise belästigenden Nachfass-E-Mails ausgeschlossen werden können. Zudem sollte neben der primären Handlungsaufforderung zur Wiederaufnahme des Kaufprozesses eine Sekundär-Option zur Löschung des Warenkorbs bestehen. 

    Ein Beispiel für eine 5-stugie Abbrecher-Kampagne::

    

  • Testen: Wie bei allen Trigger-Mails gilt: Besonders zu Beginn, also in der Implementierungsphase, sollten alle E-Mail-Erfolgsparameter ausgiebig ausgetestet werden. Vom Versandzeitpunkt über Absender und Betreff bis zum Inhalt (Anregungen in den Screenshots oben). Gerade bei unsicheren Fahrwassern! Wie gesagt sind E-Mails an Warenkorbabbrecher hierzulande noch Neuland. Und dem möglichen Nutzen in Form des Umsatzplus steht bei schlechter Umsetzung ein potenziell hoher Schaden gegenüber. Schließlich berühren solche Nachfass-E-Mails evtl. die Privatsphäre tiefer als dem ein oder anderen Abonnenten recht ist. Und das Letzte, was der Händler sich im umkämpften Wettbewerbsumfeld wünscht ist wohl, dass der Kunde die Befüllung des Warenkorbes in seinem Shop nachträglich bereut. Der nächste Händler ist nur einen Klick entfernt …
  • Segmentieren: Menschen brechen aus unterschiedlichen Gründen ab. Eine genauere Analyse fördert möglicherweise Anhaltspunkte für Segmentierungen zutage.  Vielleicht sollten Männer anders als Frauen angesprochen werden, da womöglich Letztere mangels Einverständnis des „Familien-Schatzmeisters“ abspringen? Oder Bestandskunden anders als Interessenten, weil Letztere vorerst doch noch einmal das Netz nach einem Gutschein durchwühlen wollten und zudem offene Fragen zum Service bestehen? Oder gilt es Nutzer, die auf der letzten Seite wegklickten, die die Versandkosten kommunizierte, anders zu behandeln als solche, die auf der vorletzten Seite cancelten? Denn der ersten Gruppe könnte bspw. Versandkostenfreiheit bei einem höheren Warenkorbwert („Cross-/Up-Selling“) offeriert werden. Oder überzeugt ein Hinweis auf die Vorteile beim Onlineshoppings („avoid long lines“-Werbemittel)? Mit E-Mail-Templates und einer effektiven Zielgruppenverwaltung – beides Teil jeder professionellen Versandlösung – sowie einer ordentlichen Datenintegration können solche Szenarien abgebildet und automatisiert werden. Die Abonnenten werden Ihnen das Plus an inhaltlicher Relevanz sicher genauso danken, wie die Chefetage beim Blick auf die nächsten Konversionsraten bzw. Umsatzzahlen.

 

Rechtliche Aspekte zu „Remarketing-Mails“: Wann darf ich versenden?

Nachfass-E-Mails an Warenkorb-Abbrecher bedürfen detaillierter Nutzungsprofile über das individuelle Surfverhalten. Deren Erstellung wiederum unterliegt strengen rechtlichen Bedingungen. Fragen dazu, welche rechtlichen Voraussetzungen für den Versand von Follow-up-E-Mails an Transaktions-Abbrecher gelten, gehen meist in diese Richtung (Xing-Frage): 

ich hätte gerne gewusst unter welchen Voraussetzungen man eine Nachfassemail an z.B. Bestellabbrecher einer E-Commerce Plattform versenden darf.  Muss sich der Bestellabbrecher im eingeloggten Zustand befinden und muss eine Permission (Opt-In oder Double Opt-In) für diesen Kunden vorliegen? Wie verhält es sich bei potenziellen Neukunden, die zwar schon ihre E-Mail Adresse eingetragen haben, aber die Bestellung bzw. die Anmeldung, dann nicht abschliessen. Darf hier unter gewissen Voraussetzungen (einmalig) nachgefasst werden? Und wenn ja - welche sind dies? 

Die angesprochenen Themen sind komplex und können zum Teil mangels Rechtsprechung je nach Ausgestaltung mit erheblicher Unsicherheit behaftet sein. Doch lässt sich der heutige Stand der Dinge wohl wie folgt zusammenfassen:

  • Werbemails bedürfen - mit Ausnahme des Soft-Opt-ins - einer vorherigen ausdrücklichen Zustimmung der Empfänger (Opt-in). Der Hinweis auf einen verwaisten Warenkorb z. B. dient eindeutig der Förderung des Absatzes, ist also Werbung. (Mehr hierzu in diesem Schaubild bzw. unter der Kategorie „Recht“).
  • Ein Double Opt-in ist bei vielen Kundenkontaktpunkten u.a. aus Gründen der Opt-in-Nachweisbarkeit und zum Schutz vor Spam vorzuziehen. Eine gesetzliche Pflicht zum DOI besteht jedoch nicht. Eine ausdrückliche Zustimmung kann auch durch ein Single Opt-in zum Ausdruck gebracht werden.
  • Ob der Nutzer sichtbar eingeloggt ist oder die Identifizierung „unsichtbar“ erfolgt, dürfte in diesem Zusammenhang von nachgelagerter Bedeutung sein. Entscheidend ist a.) die Zustimmung in Werbezusendungen. Zum anderen theoretisch mindestens die Information und Widerspruchsmöglichkeit in b.) die Bildung von (pseudonymen) Nutzungsprofilen (§ 15 Abs. 3 TMG). Da die Pseudonymisierung spätestens beim E-Mail-Versand jedoch wieder aufgelöst wird (Überführung der Pseudonym-ID in die zu beschickende E-Mail-Adresse, die i.d.R. ein personenbezogenes Datum ist) und die Profile dadurch personenbezogen werden, empfiehlt sich eine datenschutzrechtliche Einwilligung auch in eben jene Profildatenerfassung und -nutzung. Elektronisch muss diese „bewusst und eindeutig“ erfolgen, was viele mit einem zweiten unvorangekreuzten Häkchenfeld (Opt-in) übersetzen dürften.
  • Liegt eine ausdrückliche Zustimmung in Werbeemails vor, deren Reichweite sich nicht nur über den „wöchentlichen Newsletter“ sondern auch hierüber erstreckt, sollte dies unabhängig vom Abschluss eines (entgeltlichen) Vertrags möglich sein. Ob beim Soft Opt-in aber bereits eine Vertragsanbahnung ausreicht, ist richterlich bis dato ungeklärt. Nummer sicher wäre also: es sollte zum Kauf gekommen sein.

Unterm Strich bleibe ich Ihnen leider eine klare Empfehlung schuldig. Vielleicht sollten sich Versender im ersten Schritt daran orientieren, wie dies die „Großen“ umgesetzt haben? Der Versender C&A beispielsweise erhebt im Zuge der Newsletter-Anmeldung dezidiert auch ein ausdrückliches Einverständnis für die Daten-Verarbeitung und -Nutzung. Die Vereinbarung ist in sehr verständlicher Form aufbereitet und enthält unter anderem den Passus: 

[…] Soweit Sie einen oder mehrere unserer Newsletter oder unsere sonstigen Informationsangebote bestellt haben, dürfen wir Ihre Daten zum Zwecke der Zusammenstellung und Versendung der Newsletter speichern und verarbeiten und Ihnen auf Ihre persönlichen Interessen abgestimmte Angebote der C&A Online GmbH zusenden. Darüber hinaus können wir Ihre Daten auch verwenden, um Ihnen auf unserer Web-Site auf Ihre persönlichen Interessen abgestimmte Angebote zu unterbreiten. Wir werden hierzu Ihre von uns bei Ihren Besuchen unserer Web-Site sowie im Rahmen der Abwicklung Ihrer Einkäufe gespeicherten Daten auswerten, um insbesondere zu ermitteln, welche Produkte Sie interessieren könnten. Bei der Sammlung der Daten im Rahmen des Besuchs unserer Web-Site werden wir auch Cookies verwenden und Ihre persönlichen Daten speichern.[…]